The Sopranos: Die Krimiserie, die Gewalt persönlich machte

Nur wenige Fernsehserien haben die Sprache des modernen Dramas so tiefgreifend verändert wie The Sopranos. Die von David Chase geschaffene und 1999 erstmals veröffentlichte Serie gilt oft als eine der größten Leistungen der Fernsehgeschichte. Sie half dabei, zu definieren, was sogenanntes Prestige-Fernsehen sein kann, doch ihre Bedeutung geht über ihren Einfluss hinaus. Revolutionär war The Sopranos nicht nur deshalb, weil die Serie eine Geschichte über organisiertes Verbrechen erzählte. Entscheidend war, dass sie diese Geschichte nach innen kehrte und Verbrechen nicht nur als Handlung, sondern als Mittel nutzte, um Angst, Familie, Männlichkeit, Schuld und den privaten Zusammenbruch hinter öffentlicher Macht zu erkunden.

Ein Gangster im Zentrum des Familienlebens

Im Mittelpunkt der Serie steht Tony Soprano, gespielt von James Gandolfini in einer Darstellung von außergewöhnlicher Komplexität. Tony ist Mafiaboss, Ehemann, Vater, Sohn und ein Mann, der mit so schweren Panikattacken kämpft, dass er eine Therapie beginnt. Schon diese Ausgangslage reichte aus, um die Serie neu wirken zu lassen. Statt einen Verbrecherboss als fernes Mythosbild zu zeigen, setzt The Sopranos ihn in Küchen, Wohnzimmer, Arztpraxen und familiäre Streitigkeiten. Das Ergebnis ist ein Porträt von Macht, das intim statt glamourös wirkt.

Tony ist zugleich gefährlich, charismatisch, witzig, brutal, selbstwahrnehmend und blind für sich selbst. Die Serie weigert sich, ihn auf Monster oder Opfer zu reduzieren. Genau diese moralische Komplexität wurde zu einer ihrer größten Stärken. Das Publikum wird eingeladen, Tony zu verstehen, aber nie, ihn vollständig zu entschuldigen. Je näher die Serie an ihn heranrückt, desto weniger romantisch erscheint seine Welt.

Familie als Zuflucht und Gefängnis

Was The Sopranos seine anhaltende emotionale Kraft verleiht, ist das Verständnis dafür, dass Verbrechen und Familie niemals getrennte Welten sind. Tonys kriminelles Leben dringt ständig in sein Familienleben ein, und seine familiären Frustrationen nähren direkt seine Gewalt. Seine Beziehung zu Carmela, zu seinen Kindern und besonders zu seiner Mutter liefert einige der schmerzhaftesten und psychologisch schärfsten Momente der Serie. Die Serie versteht, dass die tiefsten Wunden oft nicht durch spektakulären Verrat entstehen, sondern durch Wiederholung, Ressentiment...

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